Bewertungen durch die Jury
Zur Vergabe des RecyclingDesignpreises 2007 durch die RecyclingBörse! / Arbeitskreis Recycling e.V., Herford
Aus
insgesamt 53 eingereichten Arbeiten hat die Jury neun Arbeiten für die
Ausstellung ausgewählt, eine Arbeit preisgekrönt und zwei Anerkennungen
ausgesprochen.
Die hier gezeigten Arbeiten können in vielen
Punkten den in der Ausschreibung genannten Kriterien gerecht werden.
Sie haben einen hohen Gebrauchswert und Gestaltungsqualität, sie sind –
fast alle - einfach zu realisieren und gewähren gleichzeitig
anspruchsvolle Beschäftigungsförderung. Ideen, die nicht nur neu und
ungewöhnlich sind, sondern auch zeigen wie unentdeckt wohl noch
tausende von Wiederverwertungs-Möglichkeiten sind und welches
Zukunftspotenzial somit hier liegt.
Bemerkenswert ist, wie
intelligent und durchdacht sich die Arbeiten bzgl der
Wiederverwertbarkeit von ‚Weggeworfenem’ darstellen. Damit ist
gemeint, dass die materiellen und konstruktiven Eigenschaften eines
Abfallprodukts für die neue Idee geschickt genutzt werden, obwohl es
sich um eine ganz andere, neuartige Nutzung also Um-Verwertung handelt.
1. Preis
Körperschirm ‚Gegenwind’ – Wie lange lebt ein Regenschirm?
Viele Schirme halten heftigen Windböen nicht stand. Das Gestell geht kaputt. Der Schirmmantel bleibt fast immer unversehrt.
Hier
entstand die neue und ungewöhnliche Idee, den Schirmstoff als einen
Körperschutz vor Wind und Nässe weiter zu verwenden. Dafür wird
dieser im Schnitt leicht verändert. Das feine und sehr stabile Gewebe
kann - zu einem geringen Volumen gefaltet und leicht im Gewicht -
problemlos mitgeführt werden. Ein weiterer Pluspunkt: kein Nässeschutz
gleicht dem anderen.
Dieser Entwurf konnte den ausgeschriebenen
Kriterien in den Punkten Gestaltungsqualität, Gebrauchswert,
Realisierbarkeit (Herstellung durch Menschen mit Behinderungen,
Jugendwerkstätten oder Beschäftigungsinitiativen) und Neuartigkeit
gerecht werden.
Die Idee überzeugte die Jury aufgrund der direkten
Um-Verwertung eines ‚Abfall’ Produkts, welches durch einen geringen
Arbeitsaufwand - eine einfach auszuführende Näharbeit - umgenutzt
werden kann. Vom Gestell getrennt, kann die leichte, flach
zusammenfaltbare Regenhaut einem Kind schnell übergestülpt werden. Es
entstehen lauter Einzelstücke, die die Wiederverwertbarkeit von
Teilprodukten in ihrer Individualität lebendig darstellen und
vielleicht sogar zu weiteren Um-Verwertungen anregen.
Anerkennungen:
Bodenmatte ‚ Teneo’
Ist
ein mobiles Sitz- und Liegemöbel für den Innen- und Außenbereich. Die
weiche Beschaffenheit beruht darauf, dass befüllte Fahrradschläuche
mittels Gurtbändern zu einer Matte verflochten sind.
Weiße
Kunststoffkugeln verschließen die Schlauchenden. Die Bodenmatte bietet
diverse Möglichkeiten für Ruhe und Entspannung, Die rutschfeste
Eigenschaft von Gummi ist intelligent genutzt, sie verhindert ein
Verrutschen der Matte auf dem Boden und hält jede gerollte oder
gefaltete Position der Matte in sich. Sie bietet somit einen hohen
Liege- und Sitzkomfort und isoliert gegenüber einem kalten Boden.
‚Teneo’ hat zudem einen hohen aesthetischen Reiz, sodass bei Nichtgebrauch diese nicht im Schrank versteckt erden muss.
Der
sehr eigenständige und neuartige Charakter als auch der hohe
ästhetische Reiz dieses Produkts, der sich gegenüber den anderen
eingereichten Arbeiten deutlich abhob, sowie die intelligent genutzte
Materialität von Gummi, wurde von der Jury hoch bewertet. Kritisch
wurde nur die aufwendige Fertigung angemerkt.
Lampenschirme, Ruhemöbel, Schalen – vorläufige Produkt-Möglichkeiten
Diese
Arbeit hat - als einzige - aus industriellen Produktionsrückständen
Objekte für den alltäglichen Gebrauch geschaffen. Die hölzernen
Magnum-Eisstiele, welche aus dem Ausschuss der Fertigungsstätten von
Langnese stammen, werden zu den unterschiedlichsten Formationen
aufgezogen.
Die Idee schafft unzählige Möglichkeiten der
Formgebung, bedingt durch vertikale und horizontale Schichtungen. Wird
ein ‚Paddelstiel’ an nur einem Punkt fixiert, entsteht sogar eine
Beweglichkeit innerhalb des Objekts.
Der Lampenschirm
Bei
dem Lampenschirm werden die Schichtungsebenen so angelegt, dass
Freiräume entstehen, durch welche Licht scheint. Alle oben genannten
Kriterien werden hier genutzt. Die Jury lobte die faszinierende
Verwertung eines Ausschussproduktes zu großen Produkten von hoher
funktionaler Qualität. Bedenklich bzgl. der Beschäftigungsförderung
wurde das offensichtlich erforderliche Geschick und der hohe zeitliche
Fertigungsaufwand gesehen.
Weitere Arbeiten in der Ausstellung:
Armband und Gürtel aus Kasettentape
Wer hat nicht versucht durch vorsichtiges Drehen der Kassettenspule eine Lieblingskassette zu retten, meist vergeblich.
Aus
alten, unbrauchbaren Kassettentapes entstehen bei diesem Entwurf von
Hand gestrickte Gürtel und Armbänder, Schmuckstücke für Kleidung und
Körper. Eine einfach auszuführende Wiederverwertung,, die insbesondere
von gering qualifizierten Arbeitskräften mit kreativem Potenzial
umgesetzt werden kann und Raum für weitere Kreativität lässt.
Gürtel aus Fahrradreifen
Mit
wenigen manuellen Tätigkeiten, zuschneiden, lochen und befestigen eines
Stiftes wird ein Fahrradreifen zum Gürtel. Das Profil des Mantels
wird zum schmückenden Muster.
Die Jury lobte die einfache und
kostengünstige Herstellung. die geschickt Umnutzung einer Konstruktion
(Profil) in eine Dekoration (Schmuck) mit Assoziationen zum ehemaligen
Gebrauch.
T-Shirt ‚Reanimade’Das gute alte klassische
T-Shirt ist ‚auf den Kopf gestellt’ und bekommt einen neuen look, eine
andersartige, nämlich rückenfreie Verwendung.
Jedes T-Shirt kann
wieder verwendet werden. Second-Hand-Verkäufe sind neben
Altkleidersammlungen die Wege, die viele Shirts gehen, wenn es nicht
mehr genutzt wird.
Wenige und einfache Handgriffe ermöglichen es bei
diesem Entwurf, aus einem alten, nutzlosen Shirt ein schönes, neues und
individuelles Oberteil zu fertigen.
Auch hier lässt die
handwerkliche Bearbeitung des Recyclingsprozesses dem Ausführenden Raum
für eigene Kreativität. Diese ist eine besonders erstrebenswerte Form
der Beschäftigungsförderung.
Wisch und weg? Kleiderbügel aus WischerblätternWischerblätter
von Fahrzeugen werden unter Verwendung alter Fahrradschläuche, welche
als Manschette das Verbindungselement zum Kleiderhaken bilden, zum
Kleiderbügel recycelt
Ein sorgfältig durchdachtes Produkt, welches
das Recyceln als Umnutzung versteht. An diesem Produkt wird mancher
Blick hängen bleiben, die Idee ein Schmunzeln auslösen, ... wie viele
weitere Wiederverwertungsmöglichkeiten sind noch unentdeckt (?).
Tragetasche ‚Airbag’
Ein
Tragegurt, eine Verschluss an eine ausgediente Airbag appliziert, macht
diese zu einer strapazierfähigen Tragetasche (bestehend aus High-tech
Faser), welche sich auf die Größe eines Paket Taschentücher zusammen
falten lässt. Rote Nähte und ungesäumte Kanten deuten auf die Herkunft
und macht dieses so auch zu einem zeitgemäßen Trendprodukt. Das
Recyceln spielt hier zudem assoziativ mit dem Namen.
Verena Wriedt,
Professorin für
Möbel- und Produktentwicklung
an der Detmolder Schule für
Architektur und Innenarchitektur
www.verenawriedt.de
www.fh-luh.de/fb1
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